Im Gespräch:

 

Musikalische Entwicklung und besondere Erlebnisse

 

- Sie studierten am DKDM, dem Königlich-Dänischen Musikkonservatorium, bei Professor Morten Zeuthen, sowie Jakob Kullberg, Tobias van der Pals und anderen Lehrern. Was hatte dabei auf die eigene musikalische Entwicklung den größten Einfluss?

Die Musik hat mich zu vielen unglaublich spannenden Menschen geführt, die dazu beigetragen haben, meine Auffassung von Musik zu entwickeln. Einmal habe ich bei einer Meisterklasse mit Anner Bylsma gespielt und er meinte: „Dein Lehrer ist die Person, der du jede Woche deine Musik vorführst. Aber dein eigentlicher Lehrer ist häufig eine Bemerkung eines Freundes, ein gutes Buch oder ein Konzert, das du besuchst“.

 

- Musik zu studieren ist anders, als viele andere Studiengänge, weil die Ausbildung im Einzelunterricht stattfindet. Wie empfanden Sie das?

Ich erinnere mich an eine der ersten Stunden bei Professor Morten Zeuthen. Ich hatte eine Piatti Capricie vorbereitet, ein schnelles Stück. Nachdem ich sie vorgespielt hatte, sagte er mir mit einem Lächeln: „Sehr gut, Ida, aber ich weiß, dass du es besser kannst“. Ich war da nicht ganz sicher. Ich hatte mich wirklich mit dem Metronom sorgfältig vorbereitet und ich wusste, dass ich das Stück genau so schnell und präzise, wie ich es konnte, gespielt hatte.

Er legte seine große Cello-Hand auf meine Schulter und meinte: „Stell dir vor, du bist ein kleiner ungeduldiger Junge, der sehr gern draußen Fußball spielen möchte. Deine Mutter sagt aber: „Kein Fußball, bevor wir dieses Stück gespielt haben!““

Darauf spielte er eine Klavierbegleitung, die mir wie das doppelte Tempo vorkam. Ich weiß nicht warum, aber aus irgend einem Grund war es kein Problem, das ganze Stück so zu spielen. „Ja, viel besser“, sagte er, „fahr nach Hause und übe es so“.

 

- Das Königlich-Dänischen Konservatorium ist Dänemarks größtes Konservatorium. Wie fanden Sie die Studienumgebung?

Einige Jahre wohnte ich in dem Jacob-Gade-Studentenwohnheim, einem sehr kleinen Wohnheim, in dem sich sechs Personen eine Etage teilen. Meine Freundin Hanna Bendz und ich hatten unsere Zimmer direkt nebeneinander und wir waren beide Studenten von Jakob Kullberg. Zum Unterricht, zusammen mit einigen anderen Studenten, sind wir gemeinsam zu ihm gegangen. Oft waren wir dort bis in die Nacht und haben über die Phrasierung und Bogenführung in Bachs Cellosuiten diskutiert und den Winkel des Bogens, wenn er auf die Saiten trifft, oder die Intonation eines Leittones genauestens geübt. Im Sommer waren wir gemeinsam bei Meisterklassen in einer Burg auf dem Land. Das war die inspirierendste und lehrreichste Zeit.

 

- Ihre Familie hat seit mehreren Generationen mit Musik zu tun. Ihre Großeltern haben sich durch die Musik kennen gelernt und Ihre Stiefgroßmutter war eine Opernsängerin am Königlichen Theater in Kopenhagen. Sie haben mir auch von einem Organisten und einem Komponisten erzählt. Wie haben Sie selbst zum ersten Mal das Interesse an der Musik gefunden?

 Mein erstes Instrument war die Blockflöte.

Es war an einem frühen Sommerabend. Meine Mutter und ich saßen in der Abendsonne auf der Terrasse und sie zeigte mir, wie man Blockflöte spielt. Wenn ich mich richtig erinnere, hat sie das Kinderlied „Vil du, vil du“ vorgespielt. Sie hat Tenorblockflöte gespielt und ich habe zugehört und auf ihre Finger geschaut und das Lied dann auf der Sopranblockflöte nachgespielt. Viele Abende verliefen so. Ich wusste nicht so genau, ob ich zum Geburtstag wirklich eine Sopranblockflöte geschenkt bekäme, aber als ich die Form des Geschenks sah, wusste ich sofort, was drin war.

Nach den Sommerferien fing ich an der Musikschule bei meiner geliebten Musiklehrerin Käthe Kristiansen an. Sie hat mir das Notenlesen beigebracht. Ich mochte das wirklich, aber das Mädchen, mit dem ich zusammen Unterricht hatte, anscheinend nicht. Sie versteckte sich unter dem Stuhl, als wir das b lernten. Ich fand auch das Notensystem höchst praktisch. Ganz anders war es mit den Buchstaben. Ich habe den Grund nicht verstanden, wieso man lesen und schreiben lernen muss. Zum Glück hat sich meine Dänisch-Lehrerin keine Sorgen gemacht, da sie wusste, dass ich Noten flüssig lesen konnte. Einige Jahre später, haben mich Buchstaben dann doch begeistern können.

 

- Was ist so besonders an Ihrer ersten Lehrerin gewesen?

Sie ist wirklich eine Musikliebhaberin. Sie hat mich auf dem Klavier begleitet und ich habe mich immer auf meinen Unterricht gefreut, also von ihr am Klavier begleitet, Flöte zu spielen. Sie hat ihre Schüler immer bei einer englischen Musikprüfung teilnehmen lassen, wo man auch Tonleitern spielen musste. Sie hat mir einmal erzählt, dass sie immer hören konnte, ob ein Schüler zu Hause geübt hatte oder nicht. So habe ich umso mehr geübt. Meine Schwestern waren manchmal genervt von meinen Tonleitern. Dann bin ich in den Hühnerstall gegangen, um dort zu üben. Die Hühner haben es, glaub ich, gemocht.

 

- Wie war es mit dem Cello?

Als meine jüngere Schwester alt genug war, ein Instrument zu lernen, begann sie Cello zu spielen. Meine Mutter und ich gingen zusammen mit ihr zu ihrem Unterricht und mir gefiel dieses große Instrument. Heimlich habe ich Cello geübt, wenn ich dachte, dass niemand zu Hause war.

Unser Haus war voll mit unterschiedlichen Instrumenten und ich habe schon immer auf den meisten davon gespielt. Außer der Blockflöte, mochte ich besonders Violine und Klavier. Aber das Cello fühlte sich so angenehm an und der Bassschlüssen auf dem Cello ist so logisch.

Als meine Großeltern jung waren, spielten sie Violine und Cello in einem Jungendorchester. Als meine Großmutter hörte, dass wir Cello spielen, hat sie ihre Instrumente restaurieren lassen, sodass wir darauf spielen konnten.

Diese beiden alten Instrumente haben eine ganz besondere Ausstrahlung für mich. Eines ist klein und glühend rot. Es ist eine Stradivari Kopie und es hat den edelsten klaren Klang. Das andere sieht warm und golden aus. Der Klang ist genauso warm und sanft und wenn man es anschaut, ist es, als würde es einen anlächeln mit seinen großen F-Löchern.

Schnell habe ich auch angefangen, an der Musikschule Cello zu lernen. Mein Cello-Lehrer Örnólfur Kristjánsson war fantastisch. Er war aus Island und besaß beinahe magische Kraft. Meine jüngere Schwester und ich teilten uns ein Cello und sie hatte vor mir Unterricht. Als ich später zu meinem Unterricht kam, das Cello aufhob und anfing zu spielen, konnte ich sofort spüren, ob Christiansson auf dem Cello gespielt hatte oder nicht. Ich traute mich manchmal zu fragen, ob das so war und er antwortete „ja“, als wusste er nicht, was er mit dem Instrument gemacht hatte. Plötzlich war es so einfach, weiterzuspielen und sogar sanfter.  Er ließ mich die Suzuki-Bücher spielen und ich war total begeistert. Ich rannte von der Schule nach Hause, nur um Cello üben zu können.

 

- Was macht das Leben einer Musikerin spannend? Was erleben Sie, in diesem Berufsfeld, dass es anderswo nicht gibt?

Wenn ich im Radio einen Ton auf der Blockflöte gespielt höre, dann weiß ich, welcher es ist. Es kommt mir vor, als ob ich ihn selbst spiele.

Wenn ich einen Cellisten höre, weiß ich ziemlich genau, was in seinem Kopf vorgeht. Einige meiner Cello-Kollegen haben diese Fähigkeit auch und damit kann man eine ganz besondere, nonverbale Kommunikation haben, die sowieso nicht in Worten ausgedrückt werden kann.

Eine andere interessante Sache in der Musik ist das Zusammenspiel.  Für mich ist das eine der fein-sinnigsten und intimsten Beziehungen, die ich kenne. Um genau im selben Rhythmus zu sein und die gleichen musikalischen Ausdrücke zu teilen, braucht man eine Art sechsten Sinn, um sich gegenseitig zu fühlen. Man könnte sagen Geisteszustand, Stimmung oder musikalische Intention.

Das größte musikalische Erlebnis ist allerdings, wenn man zusammen spielt und die Musik beginnt, „selbst zu spielen“, sodass man zusammen diesen sechsten Sinn zur Musik selbst lenkt.

 

- Das Instrument, das Sie spielen, ist fast 200 Jahre alt und hat sich in dieser Zeit fast nicht weiterentwickelt. Wieso ist diese „altmodische“ Musik immer noch lebendig und interessiert das heutige Publikum?

Für mich ist die Musik faszinierend, weil es eine Art Sprache ohne Worte ist, die die meisten Menschen auf der Welt verstehen.

Ich mag Musik, die etwas positives und tiefgründiges ausdrückt und ich denke, man findet viel davon in Musik von Bach, Vivaldi und Mozart. Ich mag es, wenn man zum Beispiel eine Bach Cello-Suite hört oder spielt und das eigene Gefühl ist das gleiche, das Bach vor über 200 Jahren hatte.

In der klassischen Musik finde ich es auch faszinierend, dass sowohl musikalische als auch technische Kompetenz gefragt sind. Im Stande zu sein, technisch anspruchsvolle Werke vor einem Publikum zu spielen, wo es nur diese eine Chance gibt, fordert eine interessante Art der mentalen Stärke. Um die motorischen Fähigkeiten zu behalten, ist tägliches Üben gefragt und es fordert eine innere menschliche Kraft, sich mit einer Musik auszudrücken, die dem Hörer gut tut.

 

- Wer sind Ihre musikalischen Vorbilder?

Ein Musiker überzeugt mich oft durch seine Persönlichkeit. Ich denke, es ist einfach, eine Person  kennen zu lernen und zu verstehen, wenn man sie Musik machen hört. Ich bewundere Michala Petri für ihre  elegante Präsenz auf der Bühne und ihr unglaublich präzisen Spielen. Und ich liebe es, Yo Yo Mas ehrlichen und gefühlvollen Interpretationen von Musik zuzuhören. Einen besonders großen Einfluss auf meine musikalische Entwicklung, hatte dieses Zitat Yo Yo Mas:

„To me the whole process is never about proving, it's about sharing.“

„Für mich geht das ganze nie darum, etwas zu beweisen, sondern zu teilen.“

 

Claudia Anderson